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Liebe Veye,

zunächst einen sehr herzlichen Dank für diese sehr gute Initiative, die hoffentlich vielen Afrikanerinnen und Afrikanern ein Forum für einen konstruktiven Austausch bieten wird.

Zu den ausschlaggebenden Faktoren, die du aufzählst, könnten noch einige entscheidendere dazukommen: beispielsweise die vorhandenen Staatstrukturen oder die Kompetenz der Leader, die eine positive Entwicklung ermöglichen sollen. Eine tiefergehende Analyse würde noch weitere zu Tage fördern. Diese Komponenten, für sich allein genommen sowie in Korrelation mit den anderen Faktoren, ergeben hinsichtlich ihres sozio-ökonomischen Einflusses auf die Gesamtentwicklung einer Gesellschaft ein zu komplexes Bild, als dass ich mich hierzu zu einer Aussage fähig sehe. Doch ich denke, dass wir den Anteil der Diaspora an der Entwicklung unserer Heimatländer hoffnungslos überschätzen, wenn wir meinen, dass wir als Diaspora dabei eine so entscheidende Rolle spielen würden. Andererseits erfolgen bereits ganz konkrete und zum Teil erfolgreiche Initiativen, bei denen die Staats- und Regierungsstellen unserer Länder ihre Diaspora-Angehörigen in die Entwicklung des Landes konkret und pro-aktiv einzubeziehen versuchen. Allein im ablaufenden 2010 habe ich persönlich Initiativen von Kamerun (DAVOC) und Togo mit erlebt und teilweise auch mitgestalten dürfen. Von Nigeria, Marokko und Ghana habe ich auch über ähnliche Initiativen gehört. Ich bin sicher, es gibt noch andere. Diese Initiativen sind für mich der geeignetere Ort, wo alle, die es können und wollen, auch zur Tat schreiten können. Alles andere läuft Gefahr, unter Umständen auf realitätsferne Diskussionen hinauszulaufen. Damit will ich keineswegs sagen, dass wir deswegen das Thema nicht ansprechen bzw. diskutieren dürfen. Im Gegenteil, ich begrüße die Diskussion sehr und bin gespannt auf den Verlauf.

Es ist absolut in Ordnung, wenn ein Familienvater, eine Familienmutter (vielleicht noch alleinerziehend und/oder arbeitsuchend) an einem Wochenende lieber mit der Familie oder für diese etwas macht anstatt am Samstag 150 Km in eine Richtung zu einer Tagung mit Afrika-Bezug und am Sonntag 200 km in eine andere Richtung zu einem Seminar oder sonstigen Veranstaltung fährt. Alles auf eigene Kosten, versteht sich. Es ist auch legitim, wenn man fünf Tage die Woche nach einem langen Arbeitstag einfach nur nach Hause zur Familie fährt und auch seinen Hobbies nachgeht, anstatt vier Tage in der Woche auf irgendwelche Vereinstreffen und Initiativen viele Stunden seines Lebens zu verbringen, wo man am Ende doch nur kritisiert wird, weil alle andere es besser können, obwohl kaum einer den kleinen Finger gerührt hat. Was ich damit sagen will: niemand kann von anderen (Afrikaner von Deutschen oder sonst wer von sonst wem) erwarten, dass sie sich mit ihrem Geld und ihrer Zeit für einen einsetzen. Umso wichtiger ist, diejenigen, die das bisschen ihrer Zeit und Mittel dafür einsetzen, zu ermutigen und Anreize für diejenigen zu schaffen, die bisher wenig Sinn darin sehen, dass sie sich dafür einsetzen.

Ich kenne persönlich viele sehr kompetente und sehr engagierte Afrikanerinnen und Afrikaner. Von manchen sieht und hört man vieles. Von vielen anderen erfährt man wenig. Als Beispiel kann ich DICH (Veye) nennen. Was Du in den letzten Jahren für Preise und Anerkennung für deine Arbeit und dein Engagement erhalten hast, brauche ich dir nicht zu sagen. Dr. Kangoum hat zusammen mit Dr. Likafu und dem Deutsch-Afrikanischen Ärzteverein einen Integrationspreis von der Stadt Duisburg für ihr Engagement erhalten. In Bonn wurde Herr Saico Balde auch mit einem Preis für seinen langjährigen Einsatz in der Integrationsarbeit der Stadt gewürdigt. Wer weiter sucht, wird ganz sicher fündig. Und dies sind alles erst die offiziellen Auszeichnungen, die bekanntlich nicht an alle vergeben werden können. Bemerkenswert ist auch, dass in den letzten Jahren in vielen Städten und Kommunen NRWs viele Afrikanerinnen und Afrikaner in die Integrationsräte gewählt wurden. Das ist auf jeden Fall ein Zeichen dafür, dass sich etwas in die richtige Richtung bewegt.

Damit möchte ich keineswegs einer (selbst-)kritischen Diskussion über das WIE und die schwachen Seiten dieses ehrenwerten Einsatzes einen Riegel vorschieben. Im Gegenteil. Aber ich wollte vor allem die vielen guten Beispiele, die es entgegen deinem Statement gibt, hervorheben.

In deine Definition der afrikanischen Diaspora würde ich gerne auch alle einschließen, die dazugehören wollen oder dazuzugehören meinen, einschließlich der weniger „jungen und dynamischen“. Denn nur so wird man auch denen gerecht, die sich bewusst (und legitim) nicht dazu zählen wollen oder die nichts dazu beitragen (wollen).

Das Stichwort der Elite ist in diesem Zusammenhang oft gefallen. Für mich sind die Eliten, diejenigen, die sich für die Community einsetzen, ungeachtet deren Bildungs- oder Einkommensniveau oder Sozialstatus. Es sind diejenigen, die es in ihren Bemühungen zu verstärken und anzuerkennen gilt. Herr Michael Burkhard meinte, dass es eine Diaspora in dem Sinne nicht gibt. Dem möchte ich wiedersprechen. Es gibt sie. Es gibt viele Afrikanerinnen und Afrikaner, die weit über die Grenzen von Sprache, Nationalität oder regionaler Zusammengehörigkeit hinweg denken und handeln. Diese Gruppe ist zugegebenermaßen (noch) schwach und wenig organisiert. Es brauchen Strukturen, die in professioneller Arbeit die Interessen dieser Menschen vertreten (da ist der wiederbelebte Afrikanische Dachverband ein Schritt in die richtige Richtung). Es bedarf unter den Afrikaner/innen auch Menschen, die mit Geduld, Weitblick, Hartnäckigkeit, guter Organisation und viel Professionalität solche Strukturen ins Leben rufen bzw. erhalten.

Aber das Potential dazu ist allemal da. Meine Hoffnung ist, dass diese Debatte Ansätze dieser Potentiale aufzeigt. Dass diese Ansätze aufgegriffen und umgesetzt werden.

Wer die Entwicklung von Africa Positive von den Anfängen bis zum heutigen Tag ansatzweise verfolgt hat, wird mir zustimmen, dass es Grund genug gibt, nicht nur daran zu glauben, sondern auch mit Geduld und langem Atem Schritt für Schritt daran zu arbeiten.

Césaire Beyel aus Bonn

 
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