Veye Tatah hat im Artikel „Einfalt oder Vielfalt“ (Africa Positive Nr. 38/10) das Problem der Diaspora-Community sehr gut zusammengefasst. Ich teile Veye Tatah’s Einschätzung, dass in der Diaspora-Community, jedenfalls in deutschsprachigen Teilen Europas, ein kleinkarierter, egoistischer Ungeist herrscht. Jeder schaut für sich und die Jungen wenden sich von einer Community ab, die ihnen nichts zu bieten hat. Stattessen orientieren sich die Jüngeren unter uns an der Mehrheitsgesellschaft und meinen, eine Karriere im Show- und Sportbusiness sei „Integration.
“Wie können wir das ändern? Nur wenn wir zuerst den Ursachen für den miserablen Zustand der Diaspora-Community auf den Grund gehen. Meine These ist, dass die Ursachen für den schlechten Zustand der Diaspora-Community dieselben sind, welche auch für den schlechten Zustand Afrikas verantwortlich sind. Mit anderen Worten: die Diaspora-Community krankt an den gleichen Problemen wie Afrika selbst. Wieso? Bekanntlich sind die meisten Staaten in Afrika keine historisch gewachsenen Nationalstaaten Die heutigen Grenzen afrikanischer Staaten wurden von den Kolonialisten willkürlich gezogen, so dass Völker auseinander gerissen und mit anderen zusammengewürfelt wurden, mit denen sie nichts gemeinsam hatten. Dies war ein sicheres Rezept, um ein Wiederauferstehen unterjochter afrikanischer Völker zu verhindern und stattdessen endlose Konflikte zu schüren, ganz nach dem Motto „teile und herrsche.“ Diese koloniale und neokoloniale Politik hat bis heute das Entstehen eines Nationalbewusstseins im westlichen Sinne in vielen afrikanischen Ländern erschwert, wenn nicht ganz verhindert. Was uns Kolonialisten, Rassisten und Missionare im Gegenteil einhämmerten, war, uns mit kleinstmöglichen Einheiten zu identifizieren, also mit der Familie, mit dem „Clan“ oder dem „Stamm,“ mit einer „Ethnie“ und einer – natürlich christlichen – Religion. „Chiefs“ wurden als Statthalter über diese Mini-Einheiten eingesetzt, von denen noch heute viele Menschen glauben, sie wären afrikanische Erfindungen. Die Medien und selbsternannte Experten nennen das dann heute „afrikanischen Tribalismus.“ Diese Zerrissenheit afrikanischer Staaten spiegelt sich nun in der afrikanischen Diaspora. Wer zuhause nicht gelernt hat, sich mit einem größeren Ganzen zu identifizieren, wird das auch in der Diaspora nicht tun. Kein Wunder, lässt sich unsere Jugend nur schwer für übergeordnete Anliegen begeistern; sie hat nämlich begriffen, dass es „Afrika“ und somit auch eine „afrikanische Diaspora“ als politische Einheiten gar nicht gibt! Stattessen gibt es ganz viele kleine Afrikas, und als Folge davon viele winzige Diaspora-Communities, welche kaum etwas miteinander zu tun haben (wollen). Stimmt meine These, dass sich die politischen Probleme Afrikas in der Diaspora-Community spiegeln, dann sind auch die Probleme unserer Community in erster Linie politischer und nicht kultureller Natur. Die Auffassung, dass das Denken in ethnischen und anderen kleinkarierten Kategorien eine „typisch afrikanische“ kulturelle Eigenart sei, verstellt den Blick auf die politische Natur der Probleme. Ich stimme Veye Tatah zu, dass wir eine „mentale Revolution“ brauchen. Wir brauchen eine „mentale Revolution“ um uns aus den mentalen Fesseln zu befreien, die unser Bewusstsein nach wie vor in kleinkarierte Kategorien wie Familie, Clan, Ethnie und Religion einzwängen. Ohne eine Revolution bleiben Afrika und die Diaspora-Community abstrakte, gehaltlose Gebilde. Michael Burkard, Schweiz |